Als Observer an der GA 2021

BPW International, XXX. General Assembly (GA) online, 21.-30. März 2021 

Notizen einer observing BPW

Insgesamt haben 62 BPW weltweit die GA beobachtet, d.h. im Oberserver-Status online über den Livestream teilgenommen. 

Sonntag 21. März 2021: Die GA der IFBPW (International Federation of BPW) beginnt. 

Unglaublich, es funktioniert bestens mit einer so grossen Teilnehmerzahl, weltweit. 

Allerdings geht der Livestream für die Observer immer mal wieder offline und frau muss sich über den Link erneut einklinken. Dann wird schnell zwischen den einzelnen kommentierenden Frauen hin und her geswitched, ohne dass im Livestream Name oder Land der BPW angezeigt werden. Das macht es fast unmöglich zu folgen, wenn man die Frauen nicht kennt. Die Vorträge und Präsentationen sind sehr gut verständlich. Die Delegierten nehmen ja via der Plattform Zoom teil, das scheint noch besser zu funktionieren. Super. 

Die vorgängige Suche nach der detaillierten Agenda im Internet bleibt erfolglos und war offensichtlich für keine Frau vorgängig zur GA verfügbar. Eine wirklich umfassende Agenda wird erst nach dem Start am 21. März vorgelegt: Das Workbook inkl. Agenda enthält auch die immer wieder erwähnten Reports und umfasst über 300 Seiten. Das ist also auf die Schnelle nicht mehr zu reviewen. Diese kurzfristige Verfügbarkeit der Agenda wird noch zu heftigeren Diskussionen führen. 

Zudem beginnt die GA mit umfassenden Diskussionen bzgl. der Compliance mit den BPW-Regularien. Wie sich noch herausstellen wird, zieht sich auch diese Auseinandersetzung mit der Einhaltung der Regularien durch die gesamte GA und benötigt so viel Zeit, dass täglich um über 30 Minuten überzogen werden muss. Dabei war aufgrund der Online-Durchführung die GA-Agenda schon stark gekürzt worden, und einige Punkte mussten auf die nächste GA verschoben werden. Verständlich. 

Eigentlich ist auch alles bestens vorbereitet, der Debate Process wird genau erklärt, auch dass jede BPW sich nur ein Mal zu einem Thema zu Wort melden kann. So ganz scheint es aber nicht zu funktionieren, wie die Diskussionen zu den Wortmeldungen zeigen. 

Die Reports der Vizepräsidentinnen, der weiteren Mitglieder des Executive Boards und der Regionalen Koordinatorinnen sind sehr beeindruckend. Die Frauen sind ganz stark im Networking, in persönlichen Zusammenkünften und entsprechend sehr viel unterwegs, wie anschaulich dargelegt wird. Dies verdeutlicht insbesondere die umfassende PPT-Präsentation der aktuellen Präsidentin Amany Asfour.

BPW wächst enorm und zeigte im letzten Triennium das höchste Wachstum der letzten 12 Jahre. Es gibt 30 New Affiliate Clubs in insgesamt 18 Ländern, davon in 12 Ländern erstmalig. 

Die Präsentation der Finanzen kommt ein wenig zu kurz (für Observer nicht ganz nachvollziehbar), ist jedoch im Workbook nachlesbar. Was aber sofort ins Auge fällt: Die Haupteinnahmequelle von BPW International sind die Mitgliederbeiträge. Mit ca. 90% wird aber auch klar, dass kaum weitere Einnahmequellen erschlossen wurden. Die Stärkung des Fundraising wird dann während der GA auch immer wieder ein Thema und Versprechen der Executive Frauen, dies angehen zu wollen. Die Hauptausgaben sind die Executive expenses und das President‘s office

BPW Europe finanziert mit 18‘000 Mitgliedern den Hauptanteil der Einnahmen von BPW International (73%). Nordamerika mit nur 4% Beitrag erstaunt, hat aber offensichtlich nur 920 Mitglieder (gemäss Workbook, kann das sein?). 

Die zukünftige, regelmässige Erhöhung der Mitgliederbeträge ist ein ausführliches Thema, dazu gibt es 2 Resolutionen. In der Argumentation wird auf die aktuell weltweit schwierige wirtschaftliche Situation hingewiesen. Das Abstimmungsergebnis hat ergeben, dass die regelmässige Erhöhung der Mitgliederbeiträge aktuell sistiert wird. Eine konkrete zukunftsgerichtete Strategie habe ich nicht wahrgenommen. 

Sehr irritierend ist, dass die Finanzsituation um den Kongress in Kairo Oktober 2017 immer noch nicht klar zu sein scheint und dass einige Bankkonten zwischenzeitlich blockiert oder ganz geschlossen wurden und offensichtlich die aktuelle Präsidentin und ihre EFO keinen Zugriff hatten. Für die Oberserver eher undurchsichtig, und den Streitereien der Frauen kann auch nicht gefolgt werden. 

Grosse Freude macht mir persönlich, dass die SDGs (Sustainable Development Goals, Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 der UN, https://unric.org/de/17ziele/) von den BPW für die Definition aller Aktivitäten immer wieder herangezogen werden. 

Skeptisch realisiere ich aber, dass viele mir völlig richtig erscheinende Resolutionen zur Zustimmung vorgestellt werden, die m.M.n. aber doch selbstverständlich entsprechend der Mission von BPW sein sollten. Zu konkreten Umsetzungen oder Ergebnissen von bisherigen Resolutionen gibt es aber (sehr ungewöhnlich, finde ich) keine Präsentationen der Frauen. 

Alle neuen „SDG-Umsetzungsresolutionen“ wurden, wenn ich das richtig verfolgen konnte, angenommen. Details zu den Resolutionen befinden sich hier https://bpw-info.org/2021/03/31/general-assembly-2021-resultate/, das lohnt sich also noch anzuschauen. 

Es gibt die sogenannten PILOT Projects, die im Grunde BPW International Member Projects sind. Dazu ist ein digitales Tool aufgebaut worden, um das Potenzial und die Expertise der BPW-Mitglieder weltweit zu vernetzen und deren Leistung in nachhaltiger Weise sichtbar zu machen. Die Projekte haben offensichtlich ein umfassendes Zustimmungsprozedere zu erfüllen und ein jährlicher Report muss geliefert werden. https://www.bpw-projects.org/member-projects-lists/

Zusätzlich können die Projekte der Clubs erfasst werden, um eine unerlässliche Übersicht für internationale Organisationen (wie die UN) über die internationalen Leistungen der BPW zu liefern. https://www.bpw-cfprojects.org/ Weiterhin existiert eine Liste von Expertinnen, in die sich jede BPW eintragen kann. Das wird leider noch nicht oft genutzt, ist vielleicht einfach zu wenig bekannt. 

Ein Highlight finde ich persönlich die Vorstellung der 4 Kandidatinnen als Young BPW Repräsentantin für BPW International aus Nigeria, Japan, Italien und der Schweiz. Das reisst wirklich mit, klingt innovativ und zukunftsgerichtet, tolle, initiative Frauen stellen sich und ihre Ideen für die Youngs vor. Das gefällt. Gewählt wurde Tomi Ondusi Fadina, BPW Nigeria – meine Favoritin 😉 – Congratulations! 

Für die neue Präsidentschaft stellen sich 2 Kandidatinnen vor, sehr professionell. Catherine Bosshart, Schweiz, präsentiert ihre Strategie, die sie in ihrer Präsidentschaft verfolgen will, Helen Swales, Neuseeland, stellt sich und ihre Eignung für dieses Amt vor. 

Später herrscht ziemliche Konfusion: Offensichtlich war nicht allen Delegates klar, dass die Wahl zwischen zwei Kandidatinnen immer noch offen war, da es einige Verwirrung wegen der Promotions­aktivitäten der Kandidatinnen gab. (Hier ist das Regularium vielleicht zu aktualisieren und an die moderne Social-Media-Kultur anzupassen. Das wäre wohl zeitgemässer.) Deshalb wurde aufgrund der Nachfragen von Wahlberechtigten die Deadline der Wahl einfach verlängert, was verständlicherweise auch keine Lösung ist. Wie auch immer: Die Wahl der neuen Präsidentin BPW International wird vollständig neu angesetzt und wiederholt. Resultat: Als neue Präsidentin von BPW International wurde Catherine Bosshart gewählt. Congratulations! 

Sie ist die 4. Präsidentin aus der Schweiz nach Elisabeth Feller (1959–1962), Rosmarie Michel (1983–1985) und Antoinette Rüegg (2002–2005), so schön. 

Auch alle anderen Frauen, die sich für verschiedene Ämter vorstellen, beeindrucken stark durch ihre Palmarès und Fähigkeiten. Da fühlt frau sich doch sehr verbunden mit den weiblichen Talenten weltweit. Alle Wahlergebnisse finden sich hier: https://bpw-info.org/2021/03/31/general-assembly-2021-wahlen/

Sehr speziell ist für mich die Situation um den Kongress in Kairo 2017 und die damit in Zusammenhang stehende Kritik am Report der IPP (Immediate Past President) Yasmin Darwich: Dieser wird nicht offengelegt, Teile sollen gestrichen werden. Das führt zu weiteren wirklich heftigen Diskussionen, Streitereien, Angriffen, Drohungen mit Anwälten und Tränen – es ist alles dabei. Irgendwie klingt hier was echt nicht gut. Hier scheint noch eine Klärung und Mediation avisiert zu sein. Dringend nötig offensichtlich. 

Fazit der Observerin bei ihrer ersten IFBPW GA:  

Es war äusserst interessant, all diesen Frauen aus der ganzen Welt zuzuhören. Es hat Spass gemacht, war aber vor allem anstrengend. 

Für eine Oberserverin, der die internationale BPW-Plattform nicht wirklich bekannt ist, ist es kaum möglich, dem schnellen Switchen zu folgen (insbesondere da, wie oben erwähnt, keine Namen und Informationen zum Land im Livestream ersichtlich waren). Wie ich dann erfahren habe, geht es den meisten Frauen genauso: Es braucht entsprechend anhaltendes Interesse, Ausdauer, mehrere Teilnahmen und gute Kontakte, um richtig reinzukommen. 

Was auffällt: 

  • Das korrekte Vorgehen gemäss BPW-Regularien muss immer wieder geklärt werden, es wird immer wieder interveniert. 
  • Sehr professionell gelöst wird die Klärung durch die Parlamentarierin Carolyn Savage, die immer wieder auf das korrekte Vorgehen hinweist. 
  • Der Umgang mit den Online-Tools ist den Frauen offensichtlich zu wenig bekannt. 
  • Irritierend ist aber vor allem der aggressive Ton und die offensichtliche Konkurrenz zwischen den Frauen. Sooo schade!!! Die Grundidee von Lena Madesin Phillips habe ich im Umgang der Frauen miteinander und einer Ausrichtung auf ein gemeinsames Ziel an dieser GA nicht reflektiert gefunden. 
    (Da ich mich schon länger mit der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshal B. Rosenberg befasse, klang der Austausch zwischen den Frauen regelrecht brutal. Kurse in GFK innerhalb von BPW International würde ich dringend empfehlen.)  
  • Das Interesse an den Projekten von BPW International ist auf jeden Fall geweckt und ich werde diese nun genauer anschauen und verfolgen. https://www.bpw-projects.org/ 

Dennoch wurde deutlich, all diese aktiven BPW setzen sich sehr intensiv ein, das Netzwerken und die Solidarität unter Frauen ist ihnen eigentlich wichtig. 

Fantastisch, dass die GA online stattgefunden hat und die Teilnahme von observing women problemlos möglich war. Eine solche Teilnahme kann nur empfohlen werden, lernt frau doch sehr viel über BPW International als internationale Organisation. 

Für mich hat sich herauskristallisiert, dass es mir wichtig ist zu klären, was genau diese IFBPW heute wirklich ist, und über den lokalen Club und den Länder-Verband hinauszuschauen. 

Und vielen Dank an die initiativen BPW-Frauen, die die Informationen zu BPW International aufgearbeitet haben (https://bpw-info.org/ueber-uns/), ohne diese Informationen zu BPW International wäre ich nicht auf die Idee gekommen, diese GA als Observer zu verfolgen.

 

Herzliche Grüsse an alle BPW

Ursula M. Kühnel

Vorstand BPW Thun

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